„Als Beraterin ist es mein Ziel, mich ent­­behrlich zu machen.“

Seit März ist Sabine Blumenstein Teil unseres Berater*innen Teams. Sie bringt neben ihrer langjährigen Erfahrung eine ganz besondere Kompetenz mit ins Lotsenboot – ihre Arbeit mit der Transaktionsanalyse. Ein Videokonferenz-Interview von Leipzig nach Berlin. 

Sabine, wir freuen uns sehr, dass du an Bord bist. Woran arbeitest du zurzeit in Berlin?

Ich führe, kurz gesagt, Projekte bzw. Projektteams aus Krisen. Wenn es also zum Beispiel im Projektteam hakt und das Team durch Altlasten oder andere Unstimmigkeiten nicht gut arbeiten kann oder auch wenn es zwischen verschiedenen Projektpartner*innen Probleme in der Kommunikation gibt, komme ich mit externem Blick ins Spiel und unterstütze das Team durch Moderations- und Mediationstechniken bei ihrem Weg aus dem Konflikt. Außerdem berate ich neben der Supervision von Projektleiter*innen auch Einzelpersonen. Dies können Menschen sein, die in Lebenskrisen stecken, die Schwierigkeiten haben Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen oder an persönlichen Scheidewegen stehen und nicht genau wissen wo sie hinwollen und hinkönnen. 

Du berätst uns und unsere Kund*innen in den Bereichen Change Communication, Organisationsentwicklung und dem Coaching von Führungskräften. Eine breite Expertise – wie kam's dazu?  

Ursprünglich habe ich Bankkauffrau in Stuttgart gelernt, danach in Nürnberg BWL studiert. Meine Erfahrungen aus dieser Zeit haben einen großen Einfluss auf meine späteren Themen - ganz besonders meine eigenen Erlebnisse mit teilweise stark überforderten Führungskräften. Außerdem hilft mir mein betriebswirtschaftlicher Background auch heute noch, da ich durch ihn ein tieferes Verständnis für die Strukturen und Barrieren in Unternehmen habe und besser einschätzen kann, wo die Grenzen des Machbaren liegen 

Nach meinem Studium habe ich gemerkt, dass eine rein betriebswirtschaftliche Ausbildung für meine persönlichen Ansprüche an eine gute Beratung nicht ausreicht. Deswegen habe ich mich zusätzlich mit verschiedenen psychologischen Konzepten auseinandergesetzt und mich im Bereich der Gestalttherapie und Transaktionsanalyse (TA) weitergebildet. Inzwischen bin ich Lehrende und Supervisierende TA’lerin und liebe es selbst neue Berater*innen und Lehrende auszubilden. 

Was ist Transaktionsanalyse? 

Die Transaktionsanalyse ist eine Theorie, die erklärt, wie Kommunikation und persönliche Entwicklung zusammenhängen. Die TA folgt dem humanistischen Menschenbild und den Grundsätzen – Jede*r ist OK! Jede*r kann denken! Und: Wenn jede*r denken kann, kann auch jede*r entscheiden, etwas zu verändern! Folglich geht es mir viel mehr darum, die Menschen, mit denen ich arbeite, dazu zu befähigen ihre Situation selbst zu reflektieren und geeignete Ableitungen zu treffen als darum, den „richtigen“ Weg aufzuzeigen. Mir ist es wichtig, meine Klient*innen und Kund*innen dabei zu unterstützen, ihre Handlungsoptionen selbst wahrzunehmen und offen zu sein, auch mal neue Wege zu gehen.

Als Beraterin ist es mein höchstes Ziel mich entbehrlich zu machen. Darum freue ich mich am meisten, wenn ich sehe, wie Menschen nach den Coachings in ihre Arbeit zurückgehen und die dortigen Probleme selbst lösen. Trotzdem stehe ich meinen Kund*innen und Klient*innen natürlich auch nach vielen Jahren gern weiter zur Seite.  

Beflügelt von dem Wissen, was ich in meiner TA Ausbildung erlangt habe, konnte ich auch den Mut aufbringen mich in kulturell und beruflich in neue Gefilde zu begeben. Ich zog vom sonnigen Süden Deutschlands nach Hamburg und gründete dort die Abakus HaD Consulting GmbH. Durch diese eigenen Erfahrungen als Führungskraft kann ich heute die Probleme meiner Kund*innen viel besser nachvollziehen. Außerdem sind spätestens seitdem alle meine Tipps praxiserprobt! Nebenbei war es mir aber auch immer wichtig, mich selbst weiter zu qualifizieren und nicht auf dem auszuruhen, was ich bereits weiß oder erreicht habe. 

Was ist dein Antrieb? 

Mein unstillbares Verlangen etwas Neues zu lernen! Wenn jemand auf mich zukommt und möchte, dass ich zum Beispiel die Leitung eines Projektes übernehme, wofür ich eigentlich keine Zeit habe, muss die Person nur sagen: Da kannst du etwas Neues und spannendes lernen nund schon klebe ich wie die Biene am Honigtopf und kann gar nicht mehr Nein sagen. Seit ich denken kann lerne ich über Neugierde. Neugierde war auch der Grund, dass ich die Chance genutzt habe, für einige Jahre die Präsidentin der EATA, der europäischen Community für TA mit fast 8000 Mitgliedern in 27 Ländern, zu sein. Ein schöner Nebeneffekt - ich kann mich jetzt fließend auf Englisch und Französisch und etwas weniger fließend auf Italienisch unterhalten. Ich finde, man bekommt einen ganz anderen Zugang zum Gegenüber, wenn man sich mit ihm oder ihr in der jeweiligen Muttersprache unterhalten kann. 

Coaching – was bedeutet das für dich? 

Coaching ist einer von den Begriffen, bei denen man fünf Leute nach einer Definition fragen kann und zehn verschiedene Antworten bekommt. Für mich persönlich ist Coaching eine Kombination aus persönlicher Beratung, aber auch dem Üben von bestimmten Dingen und dem Durchspielen von verschiedenen Situationen. Ich beleuchte Probleme und Fragestellungen, die die Person daran hindern, ihre vollen Ressourcen und Potentiale zu nutzen  

Bei Beratungen geht es vor allem um die persönliche Entwicklung oder den Umgang mit Konflikten, bei einem Coaching eher um die Fragen und Probleme von Führungskräften. Dabei muss man bedenken, dass die Person, mit der man gerade arbeitet, nicht nur sich selbst, sondern immer auch das Wohl und die Entwicklung des Unternehmens im Blick haben muss. 

Welche (positiven) Auswirkungen kann die Corona Pandemie auf Unternehmen haben? 

Ich hoffe, dass Unternehmen spätestens jetzt merken, wie wichtig es ist, eine klare Kommunikationsstrategie zu haben und dieser auch zu folgen und nicht aus dem Bauch heraus verschiedene Kanäle zur Verbreitung von Informationen oder zur Absprache untereinander zu nutzen. Ich denke Unternehmen, bei denen dies bisher der Fall war, merken in der jetzigen Situation besonders, wie störanfällig diese Art von Kommunikation sein kann. 

Ich denke, dass die Corona Krise viele Neuerungen mit sich bringt, die gerechtfertigter Weise auch als Chance gesehen werden. Die Digitalisierung kommt dadurch auch in den Unternehmen an, die diesem Thema bisher eher skeptisch gegenüberstanden. Alle machen sich vertraut mit den Möglichkeiten der digitalen Kommunikation und reflektieren dadurch vielleicht verstärkt die ein oder andere bisher unumstößliche Routine, wie zum Beispiel bei jedem Meeting persönlich anwesend sein zu müssen. Dies hat positive Auswirkungen auf die Arbeit miteinander und unser Selbstverständnis. 

Aber auch die digitale Kommunikation hat ihre Grenzen. Gerade in Konfliktsituationen ist es wichtig, die kleinen, nonverbalen Signale wahrnehmen zu können. Im persönlichen Kontakt kann man die tatsächliche Gefühlslage des Gegenübers deutlich besser einschätzen und darauf reagieren als zum Beispiel bei einem Video-Chat. Deswegen hoffe ich, dass die Unternehmen durch diese Krise zum einen lernen, was im Bereich der digitalen Kommunikation alles möglich ist und wie man auch im digitalen Raum am besten kommuniziert, sich auf der anderen Seite aber nach der Krise auch wieder daran erinnern, welche positiven Effekte der persönliche Kontakt zu und zwischen den Mitarbeitenden hat. Auch wenn digitales Arbeiten gut funktioniert und wichtig ist, sollten wir die positiven und wichtigen Effekte des Plausches in der Kaffeeküche nicht unterschätzen oder gar vergessen! 

Das werden wir auf jeden Fall beherzigen. Danke Sabine für dieses Gespräch, die Einblicke in deine Gedanken und in dein Homeoffice. Wir freuen uns sehr darauf dich bald auch live und unverpixelt in unseren Kaffeeküchen in Leipzig und Berlin willkommen zu heißen.  

Lisa-Marie Wollny | Lots*

Lisa-Marie Wollny arbeitet bei Lots* an der Konzeption, Organisation und Durchführung von Bürgerbeteiligungen. Ihr psychologisches Fachwissen setzt sie beim Aufsetzen und Auswerten von Mitgliederbefragungen im Bereich der Verbandskommunikation ein.