"Wir brauchen mehr weibliche Vorbilder!"

19.01.2020

Janine Tychsen, Female-Leadership-Beraterin, im Interview

Frau Tychsen, Sie waren als strategische Unternehmenskommunikatorin und weibliche Führungspersönlichkeit 23 Jahre in Wirtschaft und Wissenschaft tätig. Was hat Sie dazu bewegt, ihren Job an den Nagel zu hängen, um andere Frauen zu coachen?

Meine eigene Chefin zu sein! Ich habe eine starke Meinung, die ich gern offen teile. In den großen Konzernen, in denen ich tätig war, wurde das ab einer bestimmten Führungsebene schwierig. Ich habe in dieser Zeit viele Frauen und Männer in Führungspositionen erlebt, die mit sich selbst und den Unternehmensstrukturen zu kämpfen hatten. Heute möchte ich Frauen, die in Führung gehen wollen – oder es schon sind, meine eigenen Führungserfahrungen mitgeben und sie dazu ermutigen, ihre weibliche Persönlichkeit in die Führungsrolle einzubringen.

Wie unterscheidet sich denn das weibliche Führungsverhalten vom männlichen?

Ich spreche ungern von einer typischen Frau und einem typischen Mann. Frauen wird ja häufig zugeschrieben, dass sie sehr empathisch und sozialkompetenter sind. Das sind aber alles Eigenschaften, die generell zur Führungskompetenz gehören – sowohl für Frauen als auch für Männer.

Was raten Sie den Frauen, die Sie coachen?

Zuallererst: „Wenn ihr in Führung geht, müsst ihr das wirklich wollen. Lasst euch in keine Richtung drängen, nur um eine Quote zu erfüllen.“ Wer Führung übernimmt, muss sich bewusst sein, dass sich das Leben dadurch verändern wird.

Und was sollten Frauen tun, die genau das wollen?

Auf keinen Fall sollte eine Frau ihre männlichen Führungskollegen blind kopieren. Sie sollte mit ihrer eigenen Persönlichkeit, selbstbewusst mit den Männern auf Augenhöhe gehen. Und: für sich selbst Werbung machen. Eine Frau, die nach oben möchte, muss Selbstmarketing beherrschen, sollte sich Verbündete suchen und netzwerken. Wir alle brauchen Menschen, die uns fördern – egal, ob Frau oder Mann. Darum ist es wichtig, sich früh Unterstützung zu holen. Männer machen das auch nicht anders.

Was halten Sie von speziellen Frauenförderprogrammen?

Frauenförderprogramme sehe ich kritisch – hier schwingt immer etwas Hilfsbedürftiges mit. Das Thema hat uns sprachlich leider so beeinflusst, dass wir als Frauen oft denken, wir müssten gefördert werden. Verstehen Sie mich nicht falsch. Natürlich ist es wichtig, dass es solche Programme gibt – sie haben uns vorangebracht. Wiederum gibt es auch keine Männerförderpläne. Ich wünsche mir, dass diese Themen selbstverständlich werden und wir gar nicht mehr über „Frau oder Mann“ sprechen müssen. Diverse Führungskräfte und Teams werden immer wichtiger. Wir brauchen vielseitige Denkansätze und vielfältige Persönlichkeiten, um die Digitalisierung voranzutreiben.

Momentan ist es so, dass die Chefetagen der Energieunternehmen zu 88 Prozent mit Männern besetzt sind. Welchen Eindruck haben Sie von den 12 Prozent Frauen, die sie kennengelernt haben?

Ich erlebe die Frauen aus der Energiebranche als sehr offen und neugierig, etwas bewegen zu wollen. Als ich vor kurzem einen Workshop für Frauen bei der VKU Akademie in Frankfurt gehalten habe, empfand ich das Zusammentreffen als äußerst positiv. Die Frauen kannten sich untereinander nicht. Nach der Veranstaltung wirkte es so, als würden sie sich schon ewig kennen. Es ist unglaublich wichtig, dass sich Frauen untereinander vernetzen und sich gegenseitig inspirieren. Längst haben sich daher auch in der Energiebranche Frauennetzwerke gebildet, die einen gegenseitigen Austausch fördern. Frauen, vernetzt euch weiter!

 

ZUR PERSON

Janine Tychsen unterstützt als Female Leadership-Beraterin und Coach sowie als strategische Kommunikationsexpertin Frauen in Führungspositionen aus Wissenschaft, Politik und (Kommunal-) Wirtschaft. Zuvor arbeitete sie als strategische Unternehmenskommunikatorin auf internationaler und globaler Ebene, u. a. bei der Allianz, Bayer und der Helmholtz-Gemeinschaft.


Dieses Interview erschien erstmalig am 09.12.2019 in der Zeitung für kommunale Wirtschaft (ZfK).