Phase 0 im Verkehrsprojekt bezeichnet die Leistungsphase vor Planungsbeginn, in der Zielkonflikte zwischen Verkehrsbetrieb, Politik, Stadtplanung und Verwaltung transparent gemacht werden, bevor die HOAI-Planung startet. Infrastrukturprojekte im öffentlichen Nahverkehr verzögern sich oft nicht wegen schlechter Planung, sondern weil unterschiedliche Akteure unterschiedliche Ziele verfolgen und diese Konflikte zu spät sichtbar werden. Dieser Artikel zeigt anhand von Beispielen, wie Phase 0 konkret funktioniert, welche Ergebnisse sie liefert und wie Lots* den Prozess begleitet.
„Was soll ich kommunizieren, wenn die Planung keine Antworten liefert?", „Haben die überhaupt meine Stellungnahme zum Projekt gelesen?", „Die Planung ist schon so weit vorangeschritten."
Diese Sätze fielen auf der VDV-Verkehrstagung 2026 in Leipzig. Mitten aus dem Kommunikator*innen-Leben. Und sie beschreiben eine Dynamik, die auch viele Planer*innen aus Verkehrsprojekten kennen:
Unterschiedliche Akteure verfolgen unterschiedliche Ziele. Und diese Ziele stehen oft im Widerspruch zueinander.
Der Verkehrsbetrieb plant wirtschaftlich. Die Politik braucht sichtbaren Fortschritt vor der nächsten Wahl. Die Verwaltung muss rechtskonform agieren und die Interessen der einzelnen Ämter einbeziehen.
Das Problem: Diese Konflikte kommen irgendwann zu Tage. In Phase 1, Phase 2 oder Phase 3 der HOAI-Planung. Zu einem Zeitpunkt, an dem Anpassungen deutlich aufwändiger sind als zu Beginn. Das Ergebnis: Verzögerung. Mehrkosten. Vertrauensverluste.
Tobias Berndt, Leiter Netzentwicklung der Leipziger Verkehrsbetriebe, brachte es zur VDV-Verkehrstagung 2026 auf den Punkt:
„Wenn es beim Bauen Probleme gibt, liegt das oft an einer ungenügenden Bedarfsplanung. Das heißt, die Bauaufgabe ist ungenügend definiert, die Bedürfnisse von Bauherren und Nutzern werden nicht ausreichend ermittelt und vermittelt."
Genau hier setzt Phase 0 an.
Was ist Phase 0? Die Leistungsphase vor dem ersten Planungsstrich
Phase 0 im Verkehrsprojekt bezeichnet die Leistungsphase vor Planungsbeginn, in der Zielkonflikte zwischen Verkehrsbetrieb, Politik, Stadtplanung und Verwaltung transparent gemacht werden, bevor die HOAI-Planung startet.
Unterschiedliche Akteure haben unterschiedliche Ziele. Das ist kein Fehler, das ist gelebte Realität. Die Frage ist nicht, ob diese Ziele in Einklang zu bringen sind. Die Frage ist: Wie schaffen wir es trotzdem, handlungsfähig zu bleiben?
Ein konkretes Beispiel aus meinem Alltag als Berater*in im öffentlichen Nahverkehr:
Eine Stadt plant den Ausbau einer Stadtbahnlinie durch ein innerstädtisches Quartier.
- Der Verkehrsbetrieb braucht eine separate, beschleunigte Trasse – wirtschaftlich vertretbar, betrieblich sinnvoll.
- Die Stadtplanung will Verkehrsberuhigung – mehr Platz für Fuß- und Radverkehr, weniger Autoverkehr.
- Die Politik braucht sichtbaren Fortschritt vor der nächsten Wahl – und keine Proteste aus dem Einzelhandel.
- Der Einzelhandel fordert: Parkplätze erhalten, keine Baustelle länger als sechs Monate.
In Phase 1 der HOAI-Planung sind diese Zielkonflikte oft noch nicht transparent. Die technische Planung läuft. Die Trasse ist definiert. Aber intern ist nicht geklärt: Wessen Ziele haben eigentlich Vorrang?
Das führt zu einem bekannten Muster: Stellungnahmen aus dem Planfeststellungsverfahren die plötzlich das gesamte Projekt infrage stellen. Ämter, die in Phase 2 sagen: „Das geht so nicht." Kommunikator*innen, die Fragen beantworten sollen, auf die die Planung noch, keine Antwort hat.
Phase 0 unterbricht dieses Muster.
Warum Phase 0? Weil Zielkonflikte kosten - je später, desto mehr
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, was passiert, wenn Zielkonflikte erst in späteren Planungsphasen bearbeitet werden:
| Phase | Zielkonflikt tritt auf | Folge |
| Phase 0 | Vor Planungsbeginn | Anpassung möglich, bevor Entscheidungen getroffen sind |
| Phase 1-2 | Während der Planung | Nachträgliche Änderungen, Verzögerung, Mehrkosten |
| Phase 3+ | Während der Genehmigung/Ausführung | Projektstop, politische Eskalation, Vertrauensverlust |
Je später Zielkonflikte sichtbar werden, desto teurer wird ihre Bearbeitung.
Das betrifft nicht nur die technische Planung. Es betrifft auch die interne Zusammenarbeit. Wer nicht von Anfang an dabei ist, sitzt in defensiver Position. Wer keine Antworten hat, kann nicht proaktiv kommunizieren. Wer Schwachstellen sieht, aber keine Löschmöglichkeit hat, sitzt auf einem Pulverfass.
Viele Verkehrsprojekte verzögern sich nicht, weil die Planung schlecht ist, sondern weil die Akteure unterschiedliche Erwartungen haben, die nie explizit gemacht wurden.
Phase 0 macht diese Erwartungen explizit. Nicht um Konsens zu erzwingen. Sondern um trotz unterschiedlicher Ziele gemeinsam handlungsfähig zu bleiben.
Was in Phase 0 erarbeitet wird: Fünf zentrale Ergebnisse
Phase 0 liefert konkrete Grundlagen für die nachfolgende Planung. Aus unserer Beratungspraxis bei Lots* wissen wir: Wer diese Phase überspringt, zahlt später dafür.
Was in Phase 0 entsteht:
- Klärung der Bedarfe – Was brauchen die beteiligten Fachbereiche wirklich? Nicht auf dem Papier, sondern im direkten Austausch.
- Transparenz über Zielkonflikte – Wo widersprechen sich die Interessen? Wo lassen sie sich auflösen, wo nicht?
- Gemeinsame Planungsprämissen – Welche Rahmenbedingungen gelten für die HOAI-Planung? Was ist gesetzt, was ist verhandelbar?
- Rollenklärung – Wer entscheidet was? Wer trägt welche Verantwortung?
- Optional: Beteiligungskonzept – Wie werden Bürger*innen und Politik frühzeitig einbezogen?
Unsere Erfahrung bei Lots*: Phase 0 ist kein einmaliger Workshop, nach dem alle glücklich sind. Phase 0 ist ein Prozess in dem unterschiedliche Perspektiven sichtbar gemacht, benannt und ausgehalten werden, um dann gemeinsam handlungsfähig zu sein.
Wie begleitet Lots* Phase 0? Drei Schritte, die Zielkonflikte bearbeitbar machen
Lots* begleitet Verkehrsbetriebe und Kommunen in Phase 0 mit einem klaren Ansatz: Zielkonflikte transparent machen, bevor die Planung beginnt.
Unsere Überzeugung: Kommunikation gehört von Anfang an auf den Tisch – nicht erst, wenn Konflikte eskalieren.
1. Diagnose: Echte Ängste, Abhängigkeiten, Ziele sichtbar machen
Wir beginnen mit einer Stakeholder-Analyse – nicht auf dem Papier, sondern im direkten Gespräch. Mit allen Beteiligten. Nicht in ihrer Personenrolle, sondern in ihrer Funktion:
- Politische Mandatsträger*innen
- Dezernent*innen
- Geschäftsführer*innen von Verkehrsbetrieben
- Fachplaner*innen aus Stadtplanung, Verkehrsplanung, Tiefbau
Wir fragen nicht nur: Was sind eure Ziele? Wir fragen auch: Was sind eure echten Ängste? Wovon hängt euer Erfolg ab? Was darf auf keinen Fall passieren?
Denn oft werden nicht die offiziellen Positionen zum Problem, sondern die unausgesprochenen Befürchtungen:
- „Wenn wir Parkplätze wegnehmen, verlieren wir die nächste Wahl."
- „Wenn wir die Trasse verschwenken, wird das Projekt unwirtschaftlich."
- „Wenn wir zu früh kommunizieren, mobilisiert das Protest."
Diese Ängste machen wir sichtbar. Denn dadurch werden sie benennbar und damit bearbeitbar.
2. Moderation & Dialog: Zielkonflikte klar benennen, nicht beschönigen
Phase 0 ist kein Harmonisierungsprozess. Wir moderieren keine Runde, in der am Ende alle sagen: „Wird schon alles super."
Stattdessen schaffen wir Klarheit: Wir benennen Zielkonflikte deutlich.
Beispiel aus der Praxis:
- Verkehrsbetrieb braucht beschleunigte Trasse → fordert separate Gleislage, weniger Kreuzungen
- Stadtplanung will Verkehrsberuhigung → fordert Mischverkehr, weniger Flächenversiegelung
- Politik will schnelle Umsetzung → fordert Kompromiss, der mehrheitsfähig ist
Wir fragen: Wo ist der Konflikt real? Wo ist er nur gefühlt? Und wo lässt er sich durch bessere Information auflösen?
Wir beschönigen nicht. Wir sagen klar: Diese Ziele widersprechen sich. Das ist kein Fehler. Das ist Realität. Die Frage ist: Wie bleiben wir trotzdem handlungsfähig?
3. Commitment erarbeiten: Handlungsfähigkeit trotz unterschiedlicher Ziele
Am Ende von Phase 0 steht nicht ein Protokoll. Am Ende steht echte Handlungsfähigkeit – gegenseitiges Verständnis und eine gemeinsame Haltung.
Das bedeutet auch: Echte Veränderung auf Basis neuer Informationen.
Beispiel: Ein Verkehrsbetrieb plant eine Stadtbahntrasse. Die ursprüngliche Planung sieht vor: möglichst geradlinig, möglichst schnell. Die Stadtplanung fordert: Verkehrsberuhigung in der Innenstadt, Umwidmung von Fahrspuren.
In Phase 0 wird sichtbar: Wenn die Stadtbahn durch verkehrsberuhigte Bereiche fährt, steigt die Akzeptanz bei Anwohner*innen. Das reduziert Proteste und macht das Projekt stabiler.
Der Verkehrsbetrieb erkennt: Verkehrsberuhigung verschafft dem Projekt Vorteile.
All das ist keine Rhetorik, sondern echte Veränderung, weil neue Perspektiven sichtbar werden.
Die Lots*-Rolle konkret:
- Prozess moderieren – neutral, aber mit klarer Haltung
- Fragen stellen – die sonst nicht gestellt werden
- Konflikte real machen und benennen – nicht wegmoderieren
- Regelwerk schreiben, das auf handlungsfähige Zusammenarbeit abzielt
- Gemeinsame Haltung definieren: „Was wollen wir erreichen?" – und zwar so, dass alle Beteiligten sich darin wiederfinden
Was sich durch Phase 0 ändert: Sechs konkrete Effekte
Wenn Phase 0 gelingt, verändert sich die gesamte Projektdynamik:
1. Von Anfang an anderes Vertrauenslevel
Wenn alle Beteiligten wissen, welche Ziele die anderen verfolgen – und warum –, entsteht gegenseitiges Verständnis.
Das bedeutet auch: Keine bösen Überraschungen in der internen Konstellation. Keine Stellungnahme, die plötzlich das gesamte Projekt infrage stellt. Kein Amt, das in Phase 2 sagt: „Das geht so nicht."
2. Weniger Konflikte in der Umsetzung später
Zielkonflikte, die in Phase 0 transparent gemacht wurden, eskalieren nicht in späteren Phasen. Das spart Zeit, Nerven und Geld.
3. Bessere Qualität durch Perspektivwechsel
Wenn sich alle Beteiligten von Anfang an in die Rolle der anderen versetzen, entsteht bessere Planung. D.h. nicht, dass alle einer Meinung sind. Aber unterschiedliche Perspektiven werden einbezogen, bevor die Planung festgeschrieben ist.
4. Intern gutes Vertrauensverhältnis → besser gegen äußere Konflikte gefeit
Von außen kommen immer noch Konflikte – Bürgerinitiativen formieren sich, Einzelhändler protestieren, Medien stellen kritische Fragen. Aber: Wer intern handlungsfähig ist, kann nach außen souverän reagieren.
Ein internes Vertrauensverhältnis macht Projekte stabiler gegenüber externen Störungen.
5. Über langen Zeitraum gute Zusammenarbeit
Verkehrsprojekte dauern Jahre. Wer in Phase 0 eine tragfähige Basis schafft, arbeitet über den gesamten Projektzeitraum besser zusammen.
6. Weniger Verzögerungen, geringere Kosten
Das Leipziger Modell zeigt: Projekte, die Phase 0 durchlaufen, haben weniger Verzögerungen und weniger nachträgliche Konflikte. Das spart nicht nur Geld, es schafft Vertrauen bei allen Beteiligten.
Fazit: Phase 0 bedeutet, Zielkonflikte vor dem ersten Planungsstrich transparent machen
Infrastrukturprojekte im öffentlichen Nahverkehr verzögern sich, weil beteiligte Akteure unterschiedliche Ziele verfolgen, die oft im Widerspruch zueinanderstehen und diese Zielkonflikte zu spät sichtbar werden.
Phase 0 – die Leistungsphase vor dem ersten Planungsstrich – macht genau diese Konflikte transparent. Nicht um Konsens zu erzwingen. Sondern um trotz unterschiedlicher Ziele handlungsfähig zu bleiben.
Unsere Überzeugung bei Lots*: Kommunikation gehört von Anfang an auf den Tisch und nicht erst, wenn Konflikte eskalieren. Wer Zielkonflikte vor dem ersten Planungsstrich klärt, schafft eine tragfähige Basis für die gesamte Projektlaufzeit. Die Frage ist nicht, ob Zielkonflikte existieren. Die Frage ist, wann sie sichtbar werden.
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Sprechen Sie mit uns. Wir zeigen Ihnen, wie Phase 0 in Ihrem Projekt konkret aussehen kann und wie Zielkonflikte transparent gemacht werden, bevor sie zu Verzögerungen führen.
