„Baustellen sind der sichtbare Beweis dafür, dass wir Zukunft bauen.“

15.01.2026 | Von Dr.-Ing. Stefanie Walter | Energie

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Deutschlands Städte und Gemeinden stehen mit der Energiewende vor der größten infrastrukturellen Transformation seit Jahrzehnten. Tiefbau statt Talkshow, Bagger statt Beschlüsse. Für Stadtwerke bedeutet das: Aus Strategie wird Praxis und aus abstrakten Klimazielen werden konkrete Eingriffe in das Leben von Menschen. Wie kommuniziert man ein solches Zukunftsprojekt, das im Alltag erst einmal vor allem Unbequemes bedeutet? Darüber sprechen wir mit Anja Keßler-Wölfer, Leiterin der Unternehmenskommunikation der Städtischen Werke Magdeburg.

Was verändert sich 2026 für Sie als Kommunikatorin am meisten?

Ich glaube nicht, dass wir vor einem völligen Bruch stehen und jetzt plötzlich alles anders wird. Aber wir sind an einem Punkt, an dem die Energiewende konkreter wird. Die strategischen Grundlagen sind gelegt, Stadtwerke wissen, wie sie Wärme- und Energiewende angehen wollen, und die Zahlen und Zeitpläne werden belastbarer. Wir verabschieden uns ein Stück weit vom Blick in die Glaskugel, ohne natürlich genau sagen zu können, wie unsere Welt im Jahr 2045 aussehen wird.

Die Zielmarke ist politisch gesetzt: Deutschland soll klimaneutral sein – und das steht nicht nur in PowerPoint-Präsentationen, sondern im Gesetz. Dafür müssen in den nächsten 20 Jahren enorme Investitionen und Bauaktivitäten stattfinden. Den richtigen Weg zwischen Investitionsdruck und wirtschaftlicher Verantwortung zu finden, wird eines der zentralen Themen der nächsten Jahre.

Und in der Praxis wollen viele Akteure – Strom, Gas, Wärme, Wasser, Abwasser, dazu noch Telekommunikation und ÖPNV – koordiniert werden. Allein die Menge an Projekten führt absehbar zu Engpässen bei Planung, Genehmigungen und Baukapazitäten. Für die Kommunikation heißt das: Die Menschen werden die Energiewende hautnah erleben, und zwar in Form von Baustellen, Umleitungen und Einschränkungen. In Sachen Akzeptanz, Erwartungsmanagement und Ehrlichkeit im Umgang mit Unannehmlichkeiten haben wir in den vergangenen Jahren viel gelernt – und tun das noch immer. Es wird ein Vorankämpfen, Ausprobieren, Scheitern, Neuansetzen. Das gehört dazu.

Viele Kommunen haben ihre Wärmepläne erstellt. Laut Studien existiert dennoch große Unsicherheit. Spüren Sie diese auch?

Definitiv. Die kommunale Wärmeplanung hat erstmals sichtbar gemacht, was Dekarbonisierung der Wärme in der Praxis bedeutet: Welche Netze erweitert werden müssen, wo wir neue Erzeugung brauchen, welche Flächen gesichert werden müssen.

Und was folgt nun?

Bei uns in Magdeburg sind rund 70 Prozent der Gebäude gasversorgt, das muss sich Schritt für Schritt ändern. Die Verantwortung für die Planung liegt bei der Kommune – kluge Menschen mit viel Kompetenz in Verwaltung und Stadtentwicklung, aber Netzbetrieb und Energieinfrastruktur waren bisher nicht ihr Kerngeschäft. Hier braucht es eine enge, partnerschaftliche Zusammenarbeit.

Unsere Kommune verlässt sich sehr stark auf unsere Expertise als Infrastrukturdienstleister und Energielieferant. Grundsätzlich ist das auch sinnvoll, aber es gibt auch Kommunen ohne eigenes Stadtwerk. Dann kann es schwierig werden. Denn die Wärmewende wird konkret – in der Straße, vor der Haustür. Und sie gelingt nur, wenn Kommunen und Stadtwerke ihre Kompetenzen bündeln und gemeinsam handeln.

Die Rahmenbedingungen dafür verändern sich massiv – politisch, wirtschaftlich, regulatorisch. Was heißt das für Ihre Kommunikation?

Wir haben gelernt, dass eine klassische Pressemitteilung nicht mehr ausreicht. Die Betroffenheit der Menschen ist gestiegen. Wir müssen früher und vor Ort den Dialog suchen und nicht erst kommunizieren, wenn der Bagger anrollt.

Die Wärmewende erzeugt keinen sofortigen Komfortgewinn. Für viele zählt erst einmal: „Wird meine Wohnung warm und kann ich mir das leisten?“ Gerade hier im Osten haben viele Haushalte in den 90er-Jahren in Gas investiert, weil das politisch explizit gefördert und empfohlen wurde. Dass nun wieder eine große Veränderung gefordert ist, erzeugt verständlicherweise Skepsis.

Unser Job ist, transparent zu machen, warum wir das trotzdem tun müssen: Die Kosten, die wir heute tragen, sind Investitionen in die Zukunft, in den Schutz vor erheblich höheren Schäden durch den Klimawandel. Es ist wie ein Generationenvertrag – gezahlt wird heute, profitieren werden vor allem unsere Kinder. Das muss man nicht gut finden, aber man muss es ehrlich aussprechen.

Viele Kommunen zweifeln daran, ob ihre Ziele überhaupt erreichbar sind. Wie gehen Sie damit um?

Indem wir Verantwortung nicht weiterreichen, sondern annehmen – aber mit Augenmaß. Wir kommunizieren klar, was wir leisten können und wo Abhängigkeiten bestehen: Genehmigungen, Kapazitäten, wirtschaftliche Rahmenbedingungen.

Wir haben 20 Jahre Zeit – das klingt viel, ist aber in Infrastrukturzyklen extrem knapp. Deshalb müssen wir zügig, aber verantwortungsvoll vorgehen. Sobald der Wärmeplan der Kommune öffentlich ist, werden wir unsere eigene Strategie transparent machen und die Menschen direkt ansprechen: Nachbarschaften, Eigentümerinnen und Eigentümer, Wohnungswirtschaft, Politik.

2026 ist das Jahr, in dem gebaut wird – Netze, Erzeugung, Tiefbau. Was sind die größten kommunikativen Herausforderungen, die jetzt auf Stadtwerke zukommen?

Die größte Herausforderung liegt aus meiner Sicht ganz klar im Timing. Wir müssen es schaffen, dass unsere technischen Organisationseinheiten ihre Projekte frühzeitig an die Kommunikation übergeben – deutlich eher als das bisher üblich war. Früher hat eine Baustelle niemanden besonders interessiert, solange sie pünktlich fertig wurde. Aber die Projekte sind komplexer geworden, die Zahl gleichzeitig laufender Maßnahmen steigt, und die Eingriffe ins Stadtleben sind gravierender. Menschen müssen wissen, was passiert – und warum. Denn jede Baustelle bedeutet Lärm, Umwege und Stress.

Außerdem müssen wir unsere Fachleute näher an die Menschen bringen – ganz buchstäblich. Wenn wir zu Informationsveranstaltungen einladen oder in Gemeinwesen-Ausschüsse gehen, müssen dort auch Bauleiter und Netzplaner sitzen. Sie können technische Fragen kompetent beantworten und gleichzeitig erleben, welche Sorgen und Erwartungen vor Ort bestehen. Das fördert Verständnis.

Und nicht zuletzt brauchen wir ein dickeres Fell. Die emotionale Aufgeladenheit ist enorm gestiegen. Wir sind Blitzableiter für vieles, was mit Energiewende nur indirekt zu tun hat – steigende Preise, Zukunftsängste, politische Unzufriedenheit. Da hilft nur, zuzuhören und professionell zu bleiben. Manche Kritik hat einen wahren Kern, manche weniger. Aber wir müssen ansprechbar bleiben und den Dialog ernst nehmen.

Was funktioniert aus Ihrer Sicht kommunikativ gut – und was sollte man besser lassen?

Es funktioniert gut, verständlich zu kommunizieren – klar, einfach, ohne Fachchinesisch. Und immer wieder zu erläutern, wie ein konkretes Projekt ins große Ganze einzahlt: Energiewende, Versorgungssicherheit, Klimaschutz. Und wir müssen ehrlich bleiben. Projekte sind störanfällig. Wenn Genehmigungen sich verzögern oder Leitungen anders verlaufen als gedacht, dann verlängern sich Sperrungen. Das ist ärgerlich für alle, aber wegducken hilft dann am wenigsten.

Was nicht funktioniert, ist Schweigen, Beschwichtigen oder der Satz „Das müssen Sie halt aushalten“. Respekt und Transparenz sind essenziell – auch wenn die Botschaft nicht angenehm ist.

Wie vermitteln Sie dann Bürger*innen den Nutzen dieser Projekte – wenn der Komfort im Alltag erstmal nicht steigt?

Das ist tatsächlich die kommunikativ schwierigste Aufgabe. Die Wärmewende bringt kurzfristig selten eine wahrnehmbare Verbesserung – aber sie verhindert langfristig immense Kosten und Schäden. Das klingt erstmal sehr theoretisch, und niemand mit einer Gastherme im Keller denkt in Hochwasserschutzbudgets oder globalen Klimafolgekosten. Trotzdem müssen wir genau darüber reden: dass wir diese Rechnung heute bezahlen, damit unsere Kinder nicht auf den Zinsen sitzenbleiben.

Und wir müssen zeigen, dass die Energiewende auch ein Modernisierungsprojekt ist. Deutschland hat eine lange Tradition als Nation von Ingenieurinnen und Ingenieuren. Vieles, was weltweit Standards gesetzt hat, ist hier erfunden worden. Warum sollten wir uns nicht wieder zutrauen, führend zu sein? Die Wärmewende bietet dafür eine enorme Chance. Wir brauchen Zukunftstechnologien – und die entstehen genau jetzt.

Dabei gibt es bestimmt Gruppen, die besonders skeptisch reagieren. Wie sprechen Sie diese an?

Skepsis gibt es überall – aber sie ist unterschiedlich motiviert. Mieterinnen und Mieter denken zuerst an steigende Warmmieten, junge Familien fürchten hohe Kosten bei ohnehin knappen Budgets. Wir müssen individuelle Situationen ernst nehmen, egal ob sie aus Angst, Ärger oder Ablehnung entstehen.

Und natürlich spiegelt sich politische Polarisierung auch im kommunalen Umfeld wider. Wir können und dürfen uns dem nicht entziehen. Wenn im Stadtrat – egal aus welcher Fraktion – Fragen gestellt werden, beantworten wir diese. Wir bleiben bei der Sache und setzen auf Fachargumente und Dialogfähigkeit.

Auch intern verändert sich vieles. Was hilft Ihnen, Ihre Organisation mitzunehmen?

Ich habe ein kleines Team in der Kommunikation. Wir arbeiten eng und gut zusammen. Wichtig ist, Mitarbeitende früh mitzunehmen – bevor die Öffentlichkeit informiert wird. Denn sie sind Teil dieser Transformation und tragen Botschaften in ihr Umfeld. Entscheidend ist, diese Begeisterung zu nutzen und sichtbar zu machen. Gleichzeitig brauchen wir eine Kultur, in der Kommunikation nicht als „nice to have“ betrachtet wird, sondern als strategischer Teil der Projektplanung.

Was funktioniert in der Zusammenarbeit mit Partnern besonders gut – und wo stoßen Kooperationen an Grenzen?

Mit der Wohnungswirtschaft funktioniert die Zusammenarbeit hervorragend. Dort ist ein klarer Wille da, gemeinsam Lösungen zu finden, vor allem weil klassische Sanierungsoptionen vielerorts ausgeschöpft sind. Jetzt geht es um echte Umstellungen – also weg vom fossilen Energieträger.

Die kommunale Politik ist für uns ein wichtiger Partner, auch wenn dort natürlich die gleiche Vielfalt an Positionen existiert wie in der Stadtgesellschaft. Je näher die Betroffenheit rückt, desto größer wird das Interesse – das ist menschlich. Gute und kontinuierliche Information ist entscheidend. Die Zusammenarbeit mit der Verwaltung ist unabdingbar, aber in manchen Bereichen eine Herausforderung. Die Aufgaben wachsen schneller als die Ressourcen.

Wenn Sie auf 2026 schauen: Was macht Ihnen persönlich Mut – und was raten Sie anderen Kommunikator*innen in Stadtwerken?

Mich motiviert, dass wir hier an etwas arbeiten, das wirklich zählt. Es geht nicht um ein einzelnes Produkt, sondern um die Lebensqualität und Zukunft unserer Städte. Es wird anstrengend, es wird laut, es wird nicht immer fair zugehen – aber den Kopf in den Sand zu stecken ist keine Option.

Was ich Kolleg*innen und Kollegen mitgeben würde: Erstens klare Sprache. Zweitens offen sagen, was man weiß – und was man nicht weiß, etwa bei Technologiepfaden oder politisch offenen Fragen. Und drittens frühzeitig in den Austausch gehen, auch wenn die Informationen noch nicht perfekt sind. Kommunikation muss mit der Planung beginnen – und nicht erst, wenn die Bagger rollen.

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Dr.-Ing. Stefanie Walter

Als Kommunikationsfachfrau erarbeitet Stefanie projektspezifische Kommunikationsstrategien und steht für umfangreiches Stakeholdermanagement – kondensiert in konkreten Ansätzen.

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