Vom Verkehrsversuch zur Verkehrswende

12.01.2023 | Von Eva Weber | Dialog und Beteiligung

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Die Verkehrswende ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Sie ist für den Klimaschutz von ebenso großer Bedeutung wie für eine gerechte soziale Teilhabe. Jedoch: Sie klingt, wie so viele Herausforderungen, erst einmal abstrakt, groß und fühlt sich deshalb schnell so an, als sei sie nicht oder nur schwer zu schaffen.

Wie können wir in kleinen Schritten, vor Ort und gemeinsam mit den Menschen, die direkt betroffen sind, die Verkehrswende möglich machen? Ein wichtiges Werkzeug dabei sind Verkehrsversuche. Sie erlauben es den Kommunen, den öffentlichen Raum auf Zeit so umzugestalten, dass eine andere Mobilität – beispielsweise für den Rad- und Fußverkehr – möglich ist, und daran die Bürger*innen zu beteiligen. So können Erfahrungen und Daten gesammelt werden und in die konkrete Planung der Mobilität der Zukunft einfließen. 

Verkehrsversuche möglich macht die „Erprobungsklausel“ der StVO

Die rechtliche Grundlage dazu schafft die Straßenverkehrsordnung (StVO) mit der Erprobungsklausel in §45: 

„Die Straßenverkehrsbehörden können die Benutzung bestimmter Straßen oder Straßenstrecken aus Gründen der Sicherheit oder Ordnung des Verkehrs beschränken oder verbieten und den Verkehr umleiten. Das gleich Rechte haben sie […| zur Erforschung des Unfallgeschehens, des Verkehrsverhaltens, der Verkehrsabläufe sowie zur Erprobung geplanter verkehrssichernder oder verkehrsregelnder Maßnahmen.“ 

Seit 2020 muss für einen solchen Verkehrsversuch keine Gefahrenlage mehr nachgewiesen werden. Es gelten die folgenden Voraussetzungen, die der Verkehrsclub Deutschland (VCD) gut zusammengefasst hat:

  • eine sorgfältige Bestandsaufnahme und Bewertung des Status Quo, also der verkehrlichen Situation vor dem Verkehrsversuch, 
  • eine wissenschaftliche Begleitung,
  • eine Evaluierung und Auswertung im Nachhinein. 

Lots* begleitet Verkehrsversuch in Erfurts Clara-Zetkin-Straße

Auch bei Lots* spielen Verkehrsversuche eine wichtige Rolle – wie beispielsweise jener in der Clara-Zetkin-Straße im Süden Erfurts. Dort wurde vom Herbst 2021 bis ins Frühjahr 2022 erprobt, ob eine durchgehend zweistreifige Verkehrsführung der bisher vierstreifigen Hauptverkehrsader dauerhaft empfohlen werden kann. Dahinter steckte die Frage, wie die Clara-Zetkin-Straße zukünftig attraktiver, stadtklimatisch gesünder und für alle Verkehrsteilnehmenden sicherer gestaltet werden kann. 

Um die Menschen vor Ort engmaschig an diesem Verkehrsversuch zu beteiligen, kamen drei Formate zum Einsatz: 

  • eine viereinhalbmonatige Online-Umfrage, auf die u. a. direkt vor Ort mit Baustellenschildern hingewiesen wurde, 
  • eine Kontaktadresse für den Dialog, 
  • ein vierstündiger digitaler Workshop am Ende des Untersuchungszeitraums. 

Das Ergebnis: Akzeptanz für Veränderung – und der Wunsch nach weiterer Beteiligung

Die Auswertung und Evaluation dieser Maßnahmen haben ergeben, dass die Qualität der Clara-Zetkin-Straße mit einer Fahrspur je Fahrtrichtung von den Bürger*innen überwiegend positiv bewertet wurde. Dem Umbau der Straße haben die Menschen vor Ort am Ende der Untersuchungen mehrheitlich zugestimmt. Die technische Verkehrszählung kam parallel ebenfalls zu diesem Ergebnis. Und: Die Bürger*innen äußerten das Bedürfnis, auch in die nächsten Planungsphasen mit einbezogen und weiterhin über Neuigkeiten im Projekt informiert zu werden.  

Die hohe Beteiligung zeigte uns nicht nur, dass die Umgestaltung des Verkehrs ein wichtiges Thema für die Menschen vor Ort ist – sie brachte auch wichtige Impulse für die nächsten Planungsschritte in Erfurt und damit für die Mobilität der Zukunft. Was der Verkehrsversuch auch mit sich brachte, ist Akzeptanz für Veränderung.  

Unsere Erfahrung zeigt: Je früher Menschen an der Veränderung im öffentlichen Raum beteiligt werden, desto besser. Damit diese Beteiligung gelingt, sind die folgenden Schritte notwendig: 

  • Alle auf Planungsebene Beteiligten einbeziehen, am besten in regelmäßigen Austauschformaten 
  • Betroffene (Stakeholder*innen) identifizieren 
  • Passgenaue Formate zur Beteiligung der Zielgruppen konzipieren, am besten im Methodenmix 
  • Frühzeitig Konflikt- und Krisenvermeidungsstrategien entwickeln
  • Beteiligungsformate gezielt öffentlich bekannt machen, in jedem Fall auch direkt am Ort des Geschehens im öffentlichen Raum
  • Flankierende Kommunikation vor, während und nach der aktiven Beteiligungsphase – ehrlich und auf Augenhöhe
  • Dokumentation und Veröffentlichung der Ergebnisse 

 So gelingt Verkehrswende Schritt für Schritt – von Verkehrsversuch zu Verkehrsversuch. 

Sie wollen mehr über gelungene Beteiligung erfahren? Dann lesen Sie unser Whitepaper „Argumente für frühzeitige Kommunikation und Beteiligung“!

Headerbild: Bauhaus-Universität Weimar und Philipp Viehweger

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Eva Weber

Was ist das Ziel – und wie kommen wir gemeinsam dort hin? Diese Frage leitet Eva. Die Antwort findet sie mit viel Erfahrung aus Journalismus und PR, mit konzeptioneller Stärke und schneller Auffassungsgabe, aber vor allem mit Einfühlungsvermögen für die Menschen, mit denen sie arbeitet.

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