Kommunale Versorger in der Energiewende gefordert

11.11.2022 | Von Henning Schulze | Energiewende

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In kaum einer Branche ist der Umbruch durch die Energiewende so groß wie in der Energiewirtschaft. Gerade kommunale Versorger stehen hier in einem Spagat zwischen Versorgungsicherheit auf der einen und der Kund*innennnachfrage nach erneuerbarer Energie auf der anderen Seite. Über allem schwebt der Wunsch der kommunalen Eigentümer*innen nach einem finanziell guten Ergebnis, um die Haushalte abzusichern.

Klimaneutralität – ein politisches und wirtschaftliches Thema

Klimaneutralität wird inzwischen auf allen politischen Ebenen – vom Bund bis zu den Kommunen – gefordert und gefördert. Kommunen setzen sich konkrete Ziele, bis wann sie klimaneutral sein wollen. Einige Pioniere setzen diese Ziele bereits erfolgreich um.

Dabei ist das Thema nicht nur ein politisches, sondern auch ein wirtschaftliches. Als Folge der gestiegenen Strompreise sind erneuerbare Energien, vor allem Wind und Photovoltaik, hierzulande inzwischen die günstigsten Energieerzeuger. Bei Sonnenschein oder kräftigem Wind konnten sich deutsche Börsenstromkund*innen zumindest über etwas gesunkene Stromkosten freuen. Das ging so nur in Deutschland. Andere europäische Strombörsen, die nicht über ein so großes Portfolio an Ökostrom-Lieferanten verfügen, können davon nicht profitieren. Hier bleiben die Preise hoch.

Eine ähnliche Entwicklung konnte man nach dem rapiden Anstieg der Gaspreise im Herbst 2021 beim Biogas beobachten. Nachdem es jahrelang von der Politik vernachlässigt wurde, war es plötzlich marktfähig und verursachte nur einen Bruchteil der Kosten von fossilem Erdgas. Doch leider, leider: Nur etwa 10 Prozent aller 8.000 deutschen Biogasanlagen speisen direkt ins Erdgasnetz ein. Dabei könnten die Biogasanlagen gut ein Viertel des deutschen Gasbedarfs oder die Hälfte aller russischen Gasexporte abdecken. Ein Potential, das auch mit Hilfe der kommunalen Versorger zu heben wäre.

Doch nicht nur der Preis drängt die kommunalen Versorger hin zu grünen Energien. Die Kund*innen tun es auch. Endverbraucher*innen wollen grünen Strom oder grünes Gas. Aber vor allem Industrie und Gewerbe mit ihren deutlich größeren Verbräuchen sind immer mehr auf grüne Energie angewiesen. Denn wenn ein internationaler Konzern eine Nachhaltigkeitsstrategie beschließt (was sie zurzeit in Größenordnungen geschieht), zwingt das auch jeden Lieferanten, nachhaltig zu produzieren. Und dazu gehört nun mal grüne Energie.

Stadtwerke als Pioniere der Transformation

In diesem Spannungsfeld haben Stadtwerke und andere kommunale Versorger eine einmalige Chance: Sie können zum Pionier der grünen Transformation in ihrem Einzugsgebiet werden. Dies gelingt umso besser, wenn sie die entscheidenden kommunalen Gremien, also Verwaltung, Stadtrat und ihre eigenen Aufsichtsräte, hinter sich wissen.

Dabei bleibt diese Transformation zuallererst eine Kommunikationsaufgabe. Wenn ein Stadtwerk in grüne Technologien investiert, ist dafür Geld nötig, das eventuell an anderer Stelle fehlt. Denn der Großteil der deutschen Kommunen verlässt sich schon seit Jahrzehnten darauf, dass die Stadtwerke das kommunale Säckel zuverlässig und Jahr für Jahr füllen. Damit werden dann unter anderem Straßenbahnen, Busse und Bäder bezahlt.

Ideal wäre es natürlich, wenn die neuen Investitionen nicht an diesem Modell kratzen. Doch das wird nicht in jedem Fall möglich sein. Deswegen müssen im Vorfeld geplanter Projekte alle Beteiligten, auch die Bürger*innen, mit ins Boot geholt werden. Die Stadtwerke haben eine Ankerfunktion in der Kommunikation, sind sie doch für die Planungen und Investitionen verantwortlich, die in Zukunft die Versorgung der Bewohner*innen prägen. Das sollte nicht als Last, sondern als Chance begriffen werden.

Doch wie kann ein Stadtwerk solch eine Pionierrolle ausgestalten?

Zuallererst müssen die eigenen Kapazitäten auf den Prüfstand. Welche Liegenschaften sind potenziell in der Lage, grünen Strom zu erzeugen? Das betrifft im Prinzip alle kommunalen Gebäude, also auch Schulen oder Bäder. Gibt es städtische Grundstücke in Randlagen, die sich für Windenergie eigenen? Das ist ein potenzielles Konfliktthema mit Anwohner*innen. Diese können nur mittels Kommunikation ausgeräumt oder abgemildert werden.

PPA als langfristige Möglichkeit

Falls eine Kommune nicht über solche Möglichkeiten verfügt, helfen Power Purchase Agreements (PPA, auf Deutsch etwa: Stromkaufvereinbarung). Dabei sichern sich kommunale Versorger Mengen aus erneuerbar erzeugtem Strom, meist aus extra dafür errichteten PV- oder Windkraftanlagen, die nicht in die Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) fallen, und liefern diese an ihre Kund*innen. Die Laufzeiten liegen häufig bei 20 Jahren. Da auch die Netzbetreiber involviert sind, können alle Parteien – Erzeuger, Netzbetreiber, Kunden der kommunalen Versorger sowie diese selbst – ihren Anteil an regenerativem Strom erhöhen. Die Preise bleiben stabil, da die Technologien ohne Brennstoffe auskommen.

Ein weiterer Schwerpunkt: Welche neu geplanten Quartiere werden wie an den ÖPNV angeschlossen? Wie hoch sieht der Parkplatzschlüssel aus? Oder wäre ein autofreies Quartier, in dem nur Elektromobilität in Sharing-Modellen geduldet wird, nicht die bessere Alternative? Auch das erfordert eine fundierte Kommunikation mit den zukünftigen Mieter*innen und Eigentümer*innen.

Quartiere als Chance für kommunale Versorger

Gerade in Quartieren liegt eine große Chance für kommunale Versorger, als Moderator des Planungs- und Realisierungsprozesses aufzutreten. Denn: Ihnen obliegt auf Jahrzehnte hinaus dank ihrer Netztöchter die Versorgung des Quartiers mit Energie und Wasser sowie die Müllentsorgung und der Personennahverkehr.

Wie aber kann dies gelingen?

Voraussetzung ist eine robuste Kommunikation, die sich auf zeitgemäße, digitale Lösungen stützen kann. Für die Glaubwürdigkeit ist es von Vorteil, wenn die Stadtwerke selbst bereits über eine Nachhaltigkeitsstrategie verfügen und erste eigene Projekte umgesetzt haben. Nur so kann man gegenüber den Bewohner*innen die Notwendigkeit des Umstiegs auf eine grüne Energieversorgung als Teil einer Klimaschutzstrategie vermitteln.

Mit eigenem Klimaschutzprogramm vorangehen

Stadtwerke und kommunale Versorger sollten, wenn sie sich für diesen Weg entscheiden, konsequent sein und folgende Punkte auch für die Glaubwürdigkeit gegenüber den Kund*innen erfüllen:

  • Erstellung einer Klimabilanz, in der alle eigenen Treibhausgasemissionen nach dem Greenhouse Gas Protocol erfasst werden.

  • Daraus Maßnahmen ableiten und der Wichtigkeit nach ordnen – nach kurzfristig möglichen Emissionseinsparungen (low hanging fruits) und langfristigen Maßnahmen.

  • Und dann geht es an das Umsetzen dieser Maßnahmen. Die betreffen zuerst die wesentlichen Geschäftsbereiche der Kommunalversorger, so die Netze, deren klimaneutraler Betrieb sichergestellt werden muss, aber auch den Vertrieb. Hier können Tarife kurzfristig mittels Zertifikaten und Herkunftsnachweisen auf klimaneutrale Energieträger umgestellt werden. Langfristig führt aber auch hier kein Weg an dem Aufbau eigener klimaneutraler Erzeugungskapazitäten vorbei.

  • Schließlich sind laufende Prozesse in den Versorgern sowie deren Gebäuden klimaneutral zu stellen. Letzteres ist derzeit so gut wie kaum möglich, wird aber schon in wenigen Jahren gesetzlich geforderter Standard sein. Dann gilt es, alle Neubauten und alle Gebäudesanierungen nicht nur emissionsfrei, sondern nachhaltig zu gestalten – also so, dass alle verwendeten Baumaterialien und Komponenten später wiederverwendet oder recycelt werden können.

Stadtwerke Olching als Vorbild

Wie Klimaneutralität schon heute funktionieren kann, zeigen die Stadtwerke Olching. Schon seit zehn Jahren bieten sie Ökostrom an und bauen das eigene Fernwärmenetz auf einen klimaneutralen Betrieb um. Der Zertifizierer ClimatePartner zeichnete den Versorger deshalb als klimaneutrales Unternehmen aus. Schon zeitig fingen die Stadtwerke an, alle Emissionen zu erfassen, bis hin zu Geschäftsreisen, dem Fuhrpark, der bis 2025 komplett auf Elektrofahrzeuge umgestellt wird, und den Anfahrtswegen der Mitarbeiter*innen. Daraus ergab sich ein Überschuss von gut 50 Tonnen CO je Jahr. Der wurde mittels eines Solarprojektes in Namibia auf Null CO2 gestellt.

Ohne Kommunikation und Moderation wird es nicht gehen

Das Beherrschen dieser komplexen Prozesskette macht Stadtwerke und andere kommunale Versorger zu den wohl wichtigsten Gestaltern der Energiewende in Deutschland. Sie sind Beispiel und Lokomotive, und sie können in ihrer Region die Bewohner*innen mitnehmen auf die Reise in eine emissionsfreie Energiewirtschaft. Dieser Prozess verlangt nach Kommunikation. Denn er muss allen, die an diesem Prozess beteiligt sind, immer wieder erklärt und mitunter auch neu verhandelt werden, weil sich politische, wirtschaftliche oder sonstige gesellschaftliche Rahmenbedingungen ändern – und das über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren.

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Henning Schulze

Sei es bei komplexen Bau- und Infrastrukturprojekten oder internen Veränderungsprozessen: Henning Schulze sorgt als erfahrener und empathischer Change- und Konfliktmanager für einen reibungsarmen Projektverlauf.

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