Verkehrswende in Zeiten der Ego­zentriker*innen

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Long Story Short:

Ich schreibe diesen, meinen Verkehrswende-Fail nur auf, damit mein Gedächtnis wieder Platz hat für meine Verkehrswende-Erfolgsstories. Die sind wichtiger. Und zahlenmäßig weit überlegen.

Long Story:

Zwei Jahre Baustellenverkehrsführung auf der Autobahn 9. 11 Kilometer, 2 Fahrbahnen, darunter 12 altersschwache Unterführungen, einige im biblischen Alter von 80 Jahren. Ich bin unterwegs zur Abschlussbesprechung einer großen Erhaltungsbaumaßnahme der A 9 südlich von Ingolstadt. Alles neu – bei fließendem Verkehr. Zumindest auf der Autobahn waren seit Projektbeginn Ende 2019 stets Fahrstreifen offen, nur meist weniger als ohne Baustelle.

Für die Gemeinden östlich und westlich der Autobahn waren die Einschränkungen ungleich härter, die Unterführungen über lange Zeit gesperrt, einige zeitgleich. Meine Aufgabe als Projektkommunikator lag also nah: die Anwohner*innen zu informieren, welche Umleitung wann und wie zu fahren ist, um auf die andere Seite der Autobahn zu kommen.

Die meisten Beschwerden erhielten wir von Verkehrsteilnehmer*innen auf der Autobahn. Wegen Stau, wegen zu lange, wegen falsch, wegen niemand arbeitet. Diese Gründeliste kenne ich selbst sehr gut aus meiner Rolle als Autofahrer auf Fernstrecken. Im Automobilkokon ist man sich selbst eben am nächsten, die eigene Fahrt weit und breit die einzig dringliche und alles andere vor allem eines: im Weg. Um ihr aus dem Weg zu gehen, dieser Egozentrik, trage ich gerne auch im Zuge der zahlreichen Dienstfahrten zur Verkehrswende bei. Oder nutze sie. Oder wie man das auch immer nennt, wenn man auf unnötige Verbrennerfahrten verzichtet und dafür Apps zurate zieht.

Mit dem ICE zum Car-Sharing-Auto

Ich fahre mit dem ICE nach Ingolstadt. In Ingolstadt habe ich ein Car-Sharing-Fahrzeug gebucht, um damit nach einer Nacht im Autobahnhotel die restlichen 13 Kilometer A 9 zum Baubüro an der Anschlussstelle Langenbruck zu fahren. Der ICE soll um 13:23 Uhr ankommen – um 16:08 Uhr fahren wir ein. Der Zug habe nicht mit ganzer Kraft fahren können, sagte sein Chef. Es ist ein Modell aus den 90er. Als Auto wäre er bald H-Kennzeichen fähig.

Der weiße Polo der Deutsche Bahn Car-Sharing Tochter Flinkster wartet in der Nähe auf mich. Gebucht hatte ich ihn über die App des Leipziger Car-Sharing-Anbieters TeilAuto. Fernfahrten mit der Eisenbahn, sehr praktikabel für stille remote work – und für die letzten Meilen in der Fremde ein geteiltes Auto. So machen wir das bei Lots*.

Ich versuche den Flinkster zu öffnen. Mit der App, mit der Karte. Es regnet. Ich rufe bei TeilAuto an. Es regnet doller. TeilAuto kann mir nicht helfen. Es ist ja ein Flinkster. Ich versuche ihn zu öffnen. Mit der Karte. Aus Datenschutzgründen kann TeilAuto auf Partnerfahrzeuge nicht zugreifen, um zu sehen, was kaputt ist. Nicht mehr zumindest. Ich kann das nur selbst tun. Es gießt. Das Smartphone macht Sperenzchen. Dicke Tropfen auf dem Touchscreen haben Vorrang vor meinen nassen Fingerkuppen. TeilAuto kann die Buchung nicht stornieren und auch nicht den benachbarten Flinkster Opel Astra buchen. Auch nicht nachschauen, ob der verfügbar ist. Ich könnte das, wenn mein Smartphone nicht aus Zucker wäre. Die Gesichtserkennung erkennt mein Gesicht nur noch so mittel gut. Gerne würde man mir beim Ergooglen der Flinkster-Hotline helfen. Ich kann aber nichts aufschreiben. Es schauert. Die Nähte der Regenjacke sind Sollbruchstellen. Ich google so doll es irgend geht.

Durchnässt in der Warteschleife

Nach 5 Minuten oder 5 Litern Niederschlag/qm: Jeden Moment könnte der Flinkster-Kundenservice den Hörer abnehmen und den Polo öffnen. Diesen Moment nicht zu verpassen, bleibe ich im Regen stehen. Nass ist nass, unterstellen jetzt nicht mehr effektiv. Ich hänge in der Warteschleife von Flinkster. Die Musik erinnert mich an die Warteschleife von TeilAuto. Eine Teams-Chatnachricht: wann ich zur bereits begonnenen ViKo dazustoßen könne. Ich will antworten. Dabei beende ich den Flinkster-Call – oder ist das der Regen?

30 Minuten später drehe ich im Flinkster-Astra die Heizung auf. Ich beginne zu trocknen. Den Astra hat mir die Flinkster-Kundenbetreuerin gebucht und geöffnet. Am Polo ist sie auch gescheitert. Den Astra habe ich jetzt für die Fahrt zum Hotel und am nächsten Vormittag für die Fahrt zurück zum Bahnhof. Und zum Trocknen und Wärmen. Zur eigentlichen Fahrt an die Anschlussstelle Langenbruck am nächsten Mittag hat den Astra eine andere Verkehrswendler*in.

Wie komme ich jetzt nach Langenbruck?

Im Hotel ergoogle ich Busverbindungen nach Langenbruck. Der Airport Express von Stadtbus Ingolstadt verbindet Ingolstadt mit dem Flughafen München – mit Halt an der nämlichen Anschlussstelle. Das Universum, in dessen Zentrum ich gerade stehe, hat mich mal wieder gehört – jedoch falsch verstanden: in Richtung Flughafen ist in Langenbruck nur der Zustieg erlaubt. In der Gegenrichtung nur der Ausstieg. Ich bräuchte das Angebot umgekehrt.

Der Bauleiter Streckenbau holt mich ab. Mit dem Autobahn-Ford. Nach der Abschlussbesprechung fährt er mich auch zurück zum Bahnhof (danke, Jens!). 52 Kilometer Verbrennertour inkl. zweier Leerfahrten.

Die ICE-Verbindung Ingolstadt-Leipzig steht, sagt die Bahn-App DB Navigator. Dann beginnt sie zu wackeln. Reparatur am Zug, sagt die App. Verspätung eines vorausfahrenden Zuges, sagt der Lautsprecher am Gleis. Oder andersrum. Beim Umstieg in Nürnberg kommen andere Züge witterungsbedingt später. Oder wegen Reparatur am Zug, oder wegen des vorausfahrenden Zuges. Datenschutz wird nirgends angeführt.

Zurück in der heimatlichen Tram

22 Minuten später als geplant, erreiche ich Leipzig. Die Tram nach Hause kommt pünktlich. Ich trage meine Arbeitsjacke, denn sie macht warm.

Nächstes Mal fahre ich mit meinem Elektroauto zur Anschlussstelle Langenbruck. Ne, nicht mehr nach Langenbruck. Abschlussbesprechung ist Abschlussbesprechung. Nächstes Mal fahre ich mit meinem Elektroauto. Wobei, dann könnte ich in irgendeinem Stau enden, den eine sinnlose Baustelle mir aufzwingt, in der niemand arbeitet. Zumindest nicht in den 10 Minuten, die ich zum Durchfahren der Baustellenverkehrsführung bräuchte.

Ergänzung für Car-Sharing-Pros und solche, die es werden wollen

Während ich auf Jens wartete (nur sehr sehr kurz!), kam der Supporttechniker von Flinkster im alten BMW (bald H-Kennzeichen fähig), öffnete den Polo mit dem Zweitschlüssel und dann das Handschuhfach mit der Hand. Darin lag der Erst-Schlüssel, und nicht in dem kleinen Gerät, dass in jedem Car-Sharing-Fahrzeug im Handschuhfach ist. Da gehört der Schlüssel rein, wenn man das Auto am Ende der Nutzung abstellt. Nur dann kann die*der nächste Verkehrswendler*in das Auto am Anfang ihrer Nutzungszeit öffnen. Zugegeben: den Schlüssel ins Handschuhfach zu schmeißen, ist effizienter als diesen Schlitz für den Token am Schlüsselring zu erfummeln. Gerade wenn man es eilig hat. Und wessen Eiligkeit ist die wichtigste? Die eigene.

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Christoph Graebel

Für Christoph Graebel halten wir immer ein Plätzchen vor der Kamera frei. Als unser Lieblings-Projektkommunikator für Bau- und Infrastrukturprojekte agiert er vor, hinter und neben unseren Kund*innen. Mal tags, mal nachts, mal am Wochenende. Wenn Zeit bleibt, frönt er seiner heimlichen Lots*-Leidenschaft und konzipiert und moderiert Bürgerdialoge.

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