Was wir aus digitalen Beteiligungen in Verkehrs­bauprojekten lernen

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Verkehrs- und Infrastrukturplanungen sind langatmig und komplex. Digitale Kommunikation dagegen ist schnelllebig und oberflächlich. Wer nun befürchtet, diese Welten passen nicht zusammen, irrt sichFür uns als Kommunikator*innen ist digitale Beteiligung spannend und herausfordernd zugleich. Denn wir greifen auf innovative und interaktive Formate zurück, um Erwartungen und Interessen zusammenzubringen. Das heißt für die Kommunikation vor allemlenken, ausweichen und bremsen. Unser Erfahrungsbericht als Lots*innen zeigt die Fallstricke und Erfolgsfaktoren der digitalen Beteiligung. 

Online-Beteiligung in Verkehrsbauprojekten – ein Thema, das bewegt

Freud und Leid der Verkehrsplanung liegen oftmals nah beieinander. Besteht die Aufgabe der Fachplaner*innen gerade darin, abstrakte Politikerzählungen von der Mobilitätsoffensive bis hin zur Klimastrategie in konkrete und umsetzbare Verkehrsplanung vor Ort zu übersetzenmuss das vermittelt werden. Ein Austausch über Planung bietet die ChanceAbwägungen zu vermitteln, aber auch neue Perspektiven zu besprechenDenn: Mobilitätsthemen bewegen. 

Digitale Formate schaffen nützliche Wege für Beteiligung: Interaktiver und vielschichtiger können das Interesse und Informationslust gelenkt werden. Gleichzeitig schaffen wir einen Raum, um sich auszutauschen und zu diskutieren, ohne an Zeit und Ort gebunden zu sein 

  • Ein Vorhaben informativ und interaktiv vermitteln 

  • Kartenbasiert Anmerkungen, Kommentare und Ideen einsammeln 

  • Digitale Arbeitsklausuren, um effizient und gezielt zu konsultieren 

  • Ko-kreativ eigene Entwürfe gestalten 

Unsere Erfahrung: Ein Thema kommt selten allein

Ein Abwägen der Argumente und Bedürfnisse bezieht sich selten nur auf den einen Verkehrsträger – als Planungsgegenstand. Das spielt auch bei Online-Beteiligung eine Rolle. Wir fragten nach der besten Linienführung einer neuen Straßenbahn und erhalten die Antwort Seilbahn. Die Schnittstellen zu anderen Themenbereichen wie soziale Infrastruktururbane Räume oder Stadtklima sind fließend.  

Unsere Erfahrung bei einem Onlinedialog zur Straßenbahnerweiterung zeigtBürger*innen sind informiert, haben Visionen, sind pragmatisch und denken in Alternativen. Bezieht sich Online-Beteiligung auf einen konkreten Verkehrsraum oder einen bestimmten Verkehrsträger, spielen grundsätzliche und verwandte Themen eine Rolle. Wichtig ist es für uns beide Seiten der Erwartungen miteinander zu vereinen: Durch weiterführende Hinweise oder zielführende Moderation.  

Lenken heißt dabei in der Online-Beteiligung in unserem Beispiel, dass die Fragen konkret und klar sein müssen, damit für die weitere Entwurfsplanung verwertbare Hinweise generiert werden können. Zu welchen Abwägungen braucht es eine Resonanz? Was gilt es in der Bauphase zu beachten? Was ist den Bürger*innen bei der Entwurfsgestaltung wichtig? Wir erleben, digitale Information kann mehr Details bieten und interaktiv sein. 

Vertrau dem Schwarm

Eine gute Online-Beteiligung kann diese Komplexität besser vermitteln, auch und gerade durch einen Einblick auf die Werkbank der Planung. Nachvollziehbares Erklären und Zuhören (im Sinne von Verstehen), hilft bei der Vermittlung. Durch Online-Beteiligung kann jede*r Nutzer*in die Detailtiefe gehen, die er/sie will. Lagepläne und Konfliktkarten können bereitgestellt und um Erklärungen und Einordnungen ergänzt werden. Gleichzeitig ermöglicht der digitale Raum eine ko-kreative Arbeit.

Bürger*innen sind Expert*innen ihres Alltags, haben Interesse an der Mitgestaltung. Ob durch eigene Bewertung der Umgebung,  Visionsabfrage oder Gestaltungsentwürfe für den öffentlichen Raum: Infrastruktur bewegt. Stets das Ziel: Die Resonanz und Rückmeldungen geben wertvolle Hinweise für die weiteren Planungsphasen. 

Mehr Dramaturgie bitte

Der Vorteil von Online-Beteiligung liegt auf der Hand: Bürger*innen können sich orts- und zeitunabhängig informieren, einbringen und Fragen stellen. Gleichzeitig dauert es länger, bis ich eine Antwort erhalte. Daher sollte der Zeitplan und Ablauf des Beteiligungsprozess stets nachvollziehbar sein. Auch lohnt es sich klare (nicht zu lange) Zeiträume für die Dialogphase und für die fachliche Rückmeldung zu definieren.  

Mit einer Dramaturgie denken wir digitale Formate weiter: 

  • Ansprache kreativer, junger Zielgruppen durch das innovative Format Hackathon  

  • Beteiligen von Bürger*innen mit Tablets bei einem Stand beim Stadtfest  

  • Moderierter Workshop im Altenheim zur Bewertung der digitalen Beiträge an Multi-Touch Tables 

Vieles ist denkbar, wenn das Beteiligungsziel im Fokus bleibt. Zunächst heißt es auch: Mobilisieren und aktivieren. Denn das beste Beteiligungstool bringt wenig, wenn zu wenig passiert. Ein Startpunkt, der einlädt, ein Zwischensprint, der mitreißt  vielleicht auch in Themenwochen denkt  und ein Endspurt, der sich lohnt. Eine Dramaturgie kann so einfach sein. Ausweichen zählt nicht, sondern eine gute, überzeugende Ansprache.  

Ist digital das neue analog?

Nicht ganz. Denn wo bleibt die Kommunikation zwischen den Zeilen? Grundlage für jede Online-Beteiligung ist eine Netiquette, die einen respektvollen und fairen Umgang zu gewährleisten. Als Moderator*in prüfen wir daraufhin die Beiträge vor der Freischaltung – nicht um die inhaltliche Qualität zu bewerten, sondern auf Verständlichkeit und FairnessDenn Online-Kommentare zeichnen sich oft durch ironische Anspielungen und humorige Aussagen ausWie geht man mit einer Beschreibung Scheiß-Idee“ um? Bedeuten die Anführungszeichen eine bewusste Ironie? Geben sie eine andere Meinung wieder? Puh, und wo endet die Meinung und beginnt das Gerücht: Ich habe gelesen, die Planung ist rechtlich gar nicht zulässig, weil Enteignungen geplant sind”. 

Im analogen Dialog gibt es eine leichtere Einordnung durch die verschiedenen Ebenen der Kommunikation, außerdem kann direkt darauf Bezug genommen werden. Unsere Erfahrung ist auch: Es gibt kaum Beiträge, die eindeutig gegen die Netiquette verstoßen, sondern bei der eher die Verständlichkeit (Doppeldeutigkeit) nicht ganz gegeben ist. Als Moderator*in ist unsere Rolle nachfragen und einordnen, damit keine Doppeldeutigkeit bleibt und die Diskussion einen Mehrwert bietet.   

Heavy-User*innen bremsen

Wir stellen uns zu Beginn oft die Frage: Was zeichnet eine erfolgreiche digitale Beteiligung aus? Keine einfache Antwort. Viele Beiträge? Sicherlich, aber auch nicht ganz. Denn Quantität und Qualität sind nicht immer im Verhältnis zueinander. Diskussionsstränge können sich in Details verlieren, einzelne Nutzer*innen können für einen Großteil der Beiträge verantwortlich sein. 

Dabei gilt es stets die stillen (Mit)Lesenden mit zu bedenken: Sind alle Details nachvollziehbar? Braucht es einen Kontext? Das Engagement von Nutzer*innen zu bremsen, widerspricht natürlich der Grundidee von Beteiligung. Doch wie gehen wir damit um, wenn einzelne Nutzer*innen Diskussionsstränge dominieren? Mit strukturierender, neutraler Moderation setzen wir die richtigen Impulse und ordnen die Beiträge ein. Eine gute Regelung ist stets der Vergleich zu Formaten vor Ort mitzudenken: Auch hier haben emotionale und kritische Themen Platz, viele Perspektiven ergänzen die Diskussion, aber alle sollten  gehört werden. Was auch heißt, dass Dampfplauderer*innen höflich, aber moderativ bestimmt, abgebremst werden können. 

Nach der Online-Beteiligung ist vor der Online-Beteiligung

Bleibt noch die offene Frage des Erfolgs: Ein wichtiger Faktor: Die Beteiligung endet nicht mit dem Dialog-Ende. Bürger*innen erwarten eine fachliche und begründete Rückmeldung zu ihren Beiträgen. Neben der öffentlichen Dokumentation lohnt es sich die Beiträge zu begutachten, diese zu clustern und fundiert auszuwerten. Was ist für den Planungsgegenstand verwertbar und was ist nicht umsetzbar (sollte aber dennoch festgehalten und dokumentiert werden). Diemacht den Prozess transparent und nachvollziehbar Durch Rückmeldung kann ein besseres Verständnis geschaffen werden, wie Abwägungen in der Planung funktionieren.  

Am Anfang jeder Online Beteiligung stellen wir Ihnen auch die Frage, wann ist sie erfolgreich: Viele Beiträge? Neue Details? Lassen Sie es uns gemeinsam herausfinden. Und vergessen wir dabei nicht, die Mitlesenden. 


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Christian Hengstermann

Wer baut, erneuert und gestaltet. Doch wer baut, der reißt auch nieder und zerstört. Auf jeden Fall verändern Bauprojekte das gewohnte Bild und das kann mitunter auf Ablehnung stoßen. Gemeinsam mit den Kolleg*innen in unserem Berliner Büro betreut Christian unsere Infrastrukturprojekte. Er weiß, um die dafür nötige Akzeptanz zu schaffen, sind Information und Dialog wichtig. Deshalb entwickelt Christian vielfältige Beteiligungsformate und wünscht sich mehr Kund*innen aus dem sozialen Sektor. Wir sind gemeinsam dran!

Hier finden Sie alle Beiträge von Christian Hengstermann

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